{"id":110,"date":"2020-03-17T15:11:12","date_gmt":"2020-03-17T14:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kirchensteuer-fastenaktion.de\/?p=110"},"modified":"2020-04-26T11:42:49","modified_gmt":"2020-04-26T09:42:49","slug":"ein-beitrag-zum-synodalen-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kirchensteuer-fastenaktion.de\/index.php\/2020\/03\/17\/ein-beitrag-zum-synodalen-weg\/","title":{"rendered":"Ein Beitrag zum Synodalen Weg"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wer wir sind, was wir wollen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind katholische Christinnen und Christen. Wir lieben unseren Glauben und engagieren uns f\u00fcr ihn. Und wir sind der \u00dcberzeugung, dass unserer Gesellschaft ohne die Kirche etwas Wichtiges fehlen w\u00fcrde.<br>Sp\u00e4testens seit der gro\u00dfen Missbrauchsstudie wissen wir jedoch, dass grunds\u00e4tzlicher \u00c4nderungsbedarf in der katholischen Kirche besteht. Sexueller Missbrauch, die \u00dcberwindung einer verbotsorientierten Sexualmoral, die Frage nach Macht und Machtmissbrauch in der Kirche sowie die Stellung von Frauen in der katholischen Kirche und ihre gerechte Teilhabe: Dies alles h\u00e4ngt zusammen. Unsere Glaubw\u00fcrdigkeit verlangt es, dass wir uns diesen Themen stellen.<br>Bei 3 \u00f6ffentlichen Gespr\u00e4chsabenden in Reutlingen im Oktober und November 2019 haben wir \u00fcber diese Themen gesprochen und nachgedacht. Die folgenden \u00dcberlegungen und formulierten Erwartungen sind das Ergebnis dieses Nachdenkens und miteinander Sprechens. Wir verstehen sie als einen Beitrag zum Synodalen Weg.<\/p>\n\n\n\n<ul><li><strong>Sexueller Missbrauch<\/strong><br>Nach ersten ernstzunehmenden Berichten bereits im Jahre 2010 liegen seit September 2018 die Ergebnisse der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands vor. Uns irritiert, dass mehr als zwei Jahre danach immer noch der Eindruck herrscht, dass nicht alle deutschen Di\u00f6zesen bereitwillig und transparent mit unabh\u00e4ngigen Stellen kooperieren, um diesen Skandal aufzukl\u00e4ren, aufzuarbeiten, Wiedergutmachung zu leisten und Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen zu ergreifen, die sexuellen Missbrauch durch Priester, Amtstr\u00e4ger und Vertreter der Kirche in Zukunft verhindern.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><strong>Wir erwarten,<\/strong><br>dass alle deutschen Di\u00f6zesen bereit sind, das vergangene Unrecht aufzukl\u00e4ren, indem sie mit au\u00dferkirchlichen und staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten. Dies betrifft insbesondere Akteneinsicht auch durch Personen, die nicht der kirchlichen Dienstaufsicht unterstehen.<br><br>dass Betroffene von sexuellem Missbrauch vertrauensvoll angeh\u00f6rt werden und ihnen zeitnah eine angemessene Wiedergutmachung geleistet wird. Diese Wiedergutmachung muss aus kirchlichem Verm\u00f6gen geleistet werden und nicht mit Mitteln der Kirchensteuer.<br><br>dass von allen Di\u00f6zesen ein glaubw\u00fcrdiges und transparentes Pr\u00e4ventionskonzept vorgelegt wird.<br><br>dass bei neuen F\u00e4llen von sexuellem Missbrauch in der katholische Kirche transparent mit kirchenunabh\u00e4ngigen und staatlichen Stellen zusammengearbeitet wird.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><strong>Sexualmoral<\/strong><br>Eine menschliche und hilfreiche Sexualmoral muss zun\u00e4chst die Nat\u00fcrlichkeit und Vielgestaltigkeit von Sexualit\u00e4t wahrnehmen und anerkennen. Ihre Menschlichkeit muss sie erweisen, indem sie dem einzelnen hilft, seine Sexualit\u00e4t zu erkennen, anzunehmen, in seine Pers\u00f6nlichkeit zu integrieren und auf eine menschenfreundliche und gewaltfreie Weise zu leben.<br>Dies wird von der katholischen Sexualmoral, wie sie im Katechismus der Katholischen Kirche. Kompendium (Pattloch Verlag 2005) formuliert ist, nicht geleistet. (vgl. Nr. 487 \u2013 Nr. 502)<br>Sexualit\u00e4t wird hier in einer monastischen Keuschheitsperspektive gesehen, die plantonisch wirkt. Gelebte Sexualit\u00e4t findet nur in der Idee statt. Das f\u00fchrt dazu, dass in Nr. 492 als \u201eHaupts\u00fcnden gegen die Keuschheit\u201c Selbstbefriedigung und Vergewaltigung in einem Atemzug genannt werden, lediglich durch Kommata getrennt!<br>Irritierend bleibt auch, dass \u201ehomosexuelle Handlungen\u201c ebenfalls pauschal in dieser Reihe der \u201eHaupts\u00fcnden gegen die Keuschheit\u201c genannt wird. Dies wird humanwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht gerecht, nach denen Homosexualit\u00e4t eine ontologische Variante des Menschseins ist. Das hei\u00dft, dass sich ein homosexueller Mensch nicht freiwillig aussucht und aussuchen kann, ob er homosexuell ist oder nicht. Wenn er es aber von seinem gottgeschenkten Sein her ist, muss er es auch menschlich leben d\u00fcrfen. Hierf\u00fcr bietet die katholische Sexualmoral bis jetzt keine Perspektive.<br>Zur Sprache kam von \u00e4lteren Teilnehmern immer wieder, dass sie unter der rigiden sexuellen Verbotsmoral der katholischen Kirche sehr gelitten haben. Selbstbefriedigung, voreheliche sexuelle Beziehungen, Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung, gelebte Homosexualit\u00e4t: alles z\u00e4hlte und z\u00e4hlt als schwere S\u00fcnde, die das ewige Heil des Menschen zerst\u00f6ren.<br>Diese angstbesetzte und drohende Verbotsmoral wurde von vielen \u00e4lteren katholischen Christinnen und Christen als destruktiv und traumatisierend erlebt und ist damit heute ein h\u00e4ufiger Grund f\u00fcr die notwendige Aufnahme einer psychotherapeutischen Behandlung.<br>Aus heutiger Sicht erscheint deshalb die Verkn\u00fcpfung von Sexualit\u00e4t und Erbs\u00fcnde in der theologischen Tradition, z.B. durch den Kirchenvater Augustinus, als fatal. Sexuelles Begehren gilt in dieser Tradition als grunds\u00e4tzlich s\u00fcndhaft, es sei denn, es dient in der geheiligten Ehe der Zeugung von Kindern.<br>Wie die Wirkungsgeschichte dieses sexualfeindlichen Ansatzes zeigt, wurde verbotsorientierte, normative Sexualmoral auch als Herrschaftsmittel eingesetzt. Wenn die geforderten Normen so hoch sind, dass der einzelne sie praktisch kaum erf\u00fcllen kann, muss er sich s\u00fcndig und minderwertig f\u00fchlen. Das macht den einzelnen leichter lenkbar, ja erpressbar.<br>Menschenfreundliche Sexualmoral m\u00fcsste demgegen\u00fcber dem einzelnen helfen, seine Sexualit\u00e4t zu erkennen, anzunehmen, in seine Pers\u00f6nlichkeit zu integrieren und auf eine menschenfreundliche und gewaltfreie Weise zu leben.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><strong>Wir erwarten<\/strong>,<br>dass das Lehramt der katholische Kirche sich eine menschenfreundliche Sexualmoral zu eigen macht, die die Qualit\u00e4t menschlicher Beziehung und Bindung, Vertrauen, Z\u00e4rtlichkeit und Gewaltfreiheit ins Zentrum stellt.<br><br>dass das Lehramt das Gewissen des einzelnen ernst nimmt und anerkennt, dass Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung, auch Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung mit k\u00fcnstlichen Mitteln, in bestimmten Situationen und Phasen eine verantwortliche Entscheidung sein kann.<br><br>dass humanwissenschaftliche Erkenntnisse zu Homosexualit\u00e4t ernst genommen werden und homosexuell veranlagten Menschen Perspektiven f\u00fcr eine menschlich integrierte Gestaltung ihrer Sexualit\u00e4t geboten werden.<br><br>Die \u00c4lteren von uns, die noch selbst unter der Verbotsmoral gelitten haben, erwarten von der Kirche eine Entschuldigung sowie ein Eingest\u00e4ndnis, dass sie durch ihre einseitig verbotsorientierte Sexualmoral viel Leid verursacht hat.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><strong>Macht und Machtmissbrauch<\/strong><br>Macht gibt es in jedem Lebensbereich, auch in der Kirche. Vom Evangelium ist jedoch gefordert, dass diese Macht im Bewusstsein der \u201eArmut vor Gott\u201c (Erste Seligpreisung Mt 5, 3) ausge\u00fcbt wird und in Demut vor den Menschen (\u201eBei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch gro\u00df sein will, der soll euer Diener sein\u2026\u201c Mk 10, 43 par Mt 20, 26).<br>Deshalb sind wir der tiefen \u00dcberzeugung, dass Evangelisierung und Fragen der Strukturreform der katholischen Kirche keine Gegens\u00e4tze sind, sondern dass Umkehr und Strukturreform gerade dann unabweisbar werden, wenn wir uns erneut und ernsthaft dem Evangelium zuwenden.<br>Im Licht der gegenw\u00e4rtigen Kirchenkrise nehmen wir mit bedr\u00e4ngender Klarheit wahr, dass die kirchlichen Weihe\u00e4mter (Priester, Bischof) oft nicht vom Bewusstsein der Armut vor Gott und der Demut vor den Menschen getragen sind, sondern von einem Geist der Selbstsakralisierung, der geweihten Amtstr\u00e4gern das Bewusstsein vermittelt, einer anderen Seinsebene anzugeh\u00f6ren als normal getaufte Christinnen und Christen, und der ihnen Machtprivilegien und Dominanz sichert.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><strong>Wir erwarten,<\/strong><br>dass die Weihe\u00e4mter der katholischen Kirche (Priesteramt und Bischofsamt) von einem vertieften Verst\u00e4ndnis des Evangeliums her neu und \u00fcberzeugend als Dienst\u00e4mter begr\u00fcndet werden.<br><br>dass das kirchliche Recht (Codex Iuris Canonici 1983), das immer noch den Geist des Ersten Vatikanischen Konzils (1871) atmet, im Licht des Evangeliums und des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 \u2013 1965) einer Revision unterzogen wird.<br><br>dass Gewaltenteilung auch in der katholischen Kirche eingef\u00fchrt wird, z.B. durch Einrichtung unabh\u00e4ngiger kirchlicher Verwaltungsgerichte, vor denen sich im Klagefall auch Bisch\u00f6fe zu verantworten haben.<br><br>z.B. durch Einrichtung unabh\u00e4ngiger di\u00f6zesaner Schiedsgerichte, vor denen Konflikte zwischen Pfarrern und Gemeinden gekl\u00e4rt und fair gel\u00f6st werden k\u00f6nnen.<br><br>dass auch nichtgeweihte Christinnen und Christen Mitwirkungsrechte bei der Besetzung von Bischofssitzen bekommen.<br><br>dass zunehmend auch nichtgeweihte Christinnen und Christen, die theologisch und seelsorgerlich qualifiziert sind, offiziell mit der Leitung von (Teil-)Gemeinden und mit qualifizierten Aufgaben in Verk\u00fcndigung und Seelsorge betraut werden k\u00f6nnen.<br><br>dass synodale Gespr\u00e4chsforen von Bisch\u00f6fen und Laien (Frauen und M\u00e4nnern) institutionalisiert werden, in denen der Glaubenssinn des Volkes Gottes (sensus fidelium) wahrgenommen und ernstgenommen werden kann.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><strong>Geschlechtergerechtigkeit &#8211; Die Stellung von Frauen in der Kirche<\/strong><br>Trotz vieler Verbesserungen geht es beim Thema Geschlechtergerechtigkeit immer noch um die angemessene und gerechte Beteiligung von Frauen. Dies gilt in besonderer Weise auch f\u00fcr die katholische Kirche. Die Grazer DogmatikProfessorin Dr. Gunda Werner antwortete im August 2019 der Zeitschrift Christ in der Gegenwart auf die Frage \u201eWas ist f\u00fcr Sie das dr\u00e4ngendste theologische Problem der Gegenwart?\u201c: \u201eDie Nichtunterzeichnung der Menschenrechtserkl\u00e4rung der Vereinten Nationen durch den Vatikan. Dadurch k\u00f6nnen die Menschenrechte binnenkirchlich nicht zur Anwendung kommen, und es stellen sich konkrete Diskriminierungen ein. Dazu geh\u00f6rt auch die Frage der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.\u201c (In: Christ in der Gegenwart, Bilder der Gegenwart August 2019, Seite 348)<br>Weil wir \u00fcberzeugt sind, dass es dem Evangelium entspricht, wenn sich die katholische Kirche weltweit f\u00fcr die Beachtung der Menschenrechte einsetzt, empfinden wir es als einen schmerzhaften Selbstwiderspruch, dass die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (1948) aus kirchenrechtlichen Gr\u00fcnden bis heute nicht vom Vatikan unterzeichnet wurde.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul><li><strong>Wir erwarten,<\/strong><br>dass die katholische Kirche die Menschenrechte, gerade auch die von Frauen, in allen Bereichen der Gesellschaft fordert und f\u00f6rdert.<br><br>dass sie um der eigenen Glaubw\u00fcrdigkeit willen theologische und kirchenrechtliche Wege findet, diese Rechte auch in ihrem Binnenbereich anzuerkennen und zu gew\u00e4hrleisten.<br><br>dass sie durch die \u00d6ffnung von Weihe\u00e4mtern auch f\u00fcr Frauen, z.B. die Diakoninnenweihe, ein Zeichen daf\u00fcr setzt, dass M\u00e4nnern und Frauen vor Gott die gleiche W\u00fcrde zukommt.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Reutlingen, 28. Februar 2020<br>Bernhard Bosold, Gabriele Derlig, Dr. Stefan Steinert<br>Kirchengemeinder\u00e4te der Sankt Lukas Gemeinde Reutlingen<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer wir sind, was wir wollen. Wir sind katholische Christinnen und Christen. 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